Wenn Mama keine Lust mehr hat

Sex ist das letzte, worauf viele junge Mütter am Ende eines langen Tages Lust haben. Doch da sind die Erwartungen des Partners und auch an sich selbst. Intimberaterin Santi zeigt den Weg zurück zur Erotik.

Keine Lust auf Sex

Nach der Geburt eines Babys ist es gar nicht so einfach, eine neue Balance zwischen den Rollen als Mutter, Partnerin und Liebhaberin zu finden. Viele Frauen fühlen sich in ihrem Körper noch unwohl, sind erschöpft und müde – und Sex ist das letzte, worauf sie am Ende eines langen Tages Lust haben. Doch da sind die Erwartungen des Partners und auch die an sich selbst. Intimberaterin Santi berät junge Mütter in genau dieser Situation und zeigt ihnen Wege auf, wie sie die Erotik in ihre Beziehung zurückbringen können.

Ohne Liebe zum Leben fehlt die Leidenschaft

Hierfür hat sie einen außergewöhnlichen philosophischen Ansatz entwickelt, der insbesondere auf den Erkenntnissen des US-Philosophen John Lachs basiert. Mit ihm teilt Santi die Ansicht, dass die Liebe zum Leben die Voraussetzung für leidenschaftliche Liebe und Erotik ist. Santi ist in ihrem Heimatland Polen seit Jahren eine Größe in Sachen Sexberatung und wird gern zu entsprechenden Talkrunden geladen.

Sex als Quelle von Lebensenergie

Während ihres Philosophiestudiums betrieb sie anonym den Blog Prawie doskonała, übersetzt „Fast perfekt“, der in acht Jahren von einer Million Menschen gelesen wurde. Darin beriet sie Frauen aus aller Welt in Sexfragen. „Ich hatte mich schon immer für Sexualität interessiert“, sagt Santi. „Als ich mich dann auch philosophisch mit dem Thema beschäftigte, fing ich an, Sex als großartige Quelle von Lebensenergie wahrzunehmen.“  Heute arbeitet die 30-jährige Mutter einer Tochter von Berlin aus und berät auch auf deutsch. Unsere Autorin traf Santi zum Interview

Was macht Philosophie sexy?

Ich finde besonders die philosophische Haltung des amerikanischen Pragmatismus sexy, sie ist lebensnah und versucht, für unseren Alltag eine größere Qualität zu gewinnen. Dabei gibt es keine Angst davor, über Erotik, Liebe, Sex zu sprechen – das war in der Philosophie nicht immer so. Speziell war es nicht immer so, dass mit Respekt und Sensibilität über diese Themen gesprochen wurde; in der europäischen Tradition wurde Sex lange mit der „tierischen“ Seite des Menschen assoziiert. Darüber hinaus finde ich, dass das Nachdenken, das Reflektieren über uns selbst uns sexy macht.

Mit welchen Problemen kommen die Mütter am häufigsten zu dir?

Die Mütter kommen am häufigsten mit einem Libido-Problem zu mir. Sie haben keine Lust auf Sex, sie sind überfordert, müde und sehen sich mit Erwartungen ihres Partners konfrontiert. Sie wollen das alles ändern und in sexueller Hinsicht das Leben zurückhaben, bevor sie Mütter waren, wo sie leidenschaftlich waren, wo sie großartige Liebhaberinnen waren.

Wie baust du sie wieder auf?

Der erste Schritt es geschafft, wenn es mir gelingt, für die Frau überhaupt erst mal den Druck aus der Situation zu nehmen. Ich kläre sie über hormonelle Veränderungen nach der Geburt auf und darüber, wie lange es dauern kann, bis der Körper vollständig zum Normalzustand zurückgefunden hat. Und dann, so unsexy das klingt, fange ich mit Zeitmanagement an. Es geht darum, dass die Mütter zuerst wieder Zeit für sich gewinnen können. Das ist nicht so leicht bei all den neuen Herausforderungen zwischen Baby, Partnerschaft und Arbeit.

"So unsexy es ist, ich fange mit Zeitmanagment an"

Deswegen ist es wichtig, dass die Frau wieder für sich selbst Prioritäten zu setzen lernt, und dabei helfe ich ihr. So, dass sie am Ende des Tages nicht unglaublich erschöpft ist. Genug Schlaf ist hier entscheidend. Danach zeige ich ihr, dass sie die für sich gewonnene Zeit für ihren eigenen sinnlichen Genuss nutzen kann. Es gibt psychologische Studien, die besagen, dass für Frauen in dieser Lebensphase das Bedürfnis, allein zu sein, höher ist als das nach Geschlechtsverkehr. Also, zuerst will die Frau einfach nur mal ihre Ruhe haben. Erst im zweiten Schritt kann wieder die Lust auf Genuss und im dritten Schritt die Lust auf Erotik wiedererweckt werden.

Was für eine Rolle spielt der Partner dabei?

Die Kommunikation mit dem Partner ist ein ganz wichtiges Element, um zu einer gemeinsamen Erotik zurückzufinden. Ich arbeite mit dem Modell der sog. Gewaltfreien Kommunikation, auch Einfühlsame Kommunikation genannt. Das Konzept wurde vom US-amerikanischen Psychologen Marshall B. Rosenberg entwickelt. Demnach sollen wir zuerst unsere Bedürfnisse entdecken und danach einfühlsam kommunizieren. Dabei sollte nicht im Vordergrund stehen, unseren Partner zu einem bestimmten Handeln zu bewegen, sondern eine Beziehung zu entwickeln, die auf gegenseitiger Wertschätzung basiert und zu einer größeren Verbundenheit führt. Das bedeutet, ohne den anderen zu beurteilen oder anzugreifen, einfach nur das zu äußern, was man selbst für sich wichtig findet und was man wirklich braucht.

Die Sprache und das Spielerische in der Beziehung sind wichtige Elemente für dich. Kannst du das näher erklären?

Das Spielerische bedeutet für mich, dass wir mit der Sprache spielen, dass wir mit unserem Partner eine eigene intime Sprache schaffen, in der wir völlig frei kommunizieren können. Das Spielerische in der Beziehung ist für mich unsere Fantasie, die wir weiterentwickeln können. Ich finde, die Rolle der Imagination ist völlig unterschätzt. Das Spielerische in der Beziehung bedeutet ein Spiel mit den Kontexten; wenn wir zum Beispiel ein besonderes Wochenende planen, kann die Frau sich selbst ganz als Liebhaberin betrachten. Das bedeutet nicht unbedingt Verkleidung oder Rollenspiele, sondern ein verändertes Mindset. Wir können uns selbst anders wahrnehmen, wenn wir mal in einer anderen Situation ohne die alltäglichen Verpflichtungen sind. Aber klar, es kann auch in Richtung Rollenspiel gehen. Alles ist erlaubt, was mit Zustimmung aller erwachsenen Beteiligten geschieht.

Du siehst Sex als Quelle von Lebensenergie an...

Ja, wenn wir Sinnlichkeit und Genuss in unserem Leben entdecken, dann sind wir entspannter, und ausgefüllter, sogar kreativer. Ich empfehle jeder Frau, sich regelmäßig wenigstens eine Viertelstunde Zeit für ihren eigenen sinnlichen Genuss zu nehmen, dann wird sie sehen, welche Wirkung das hat. Aber es ist ganz wichtig, dass man diese Zeit ohne Gewissensbisse verbringt, dass man das als eine gute Investition ansieht. Wir gewinnen damit Energie, Zufriedenheit und klar, guten Sex. Ich sehe hier Sex nicht nur als Geschlechtsverkehr, sondern als Teil der Erotik, als Teil eines erotischen, sinnlichen Lebens. Für mich ist das ein breiteres Verständnis.

Laut einer Studie von 2015 ist nicht einmal die Hälfte der Deutschen mit ihrem Sexleben zufrieden. Besonders unzufrieden sind liierte Männer ab 30 sowie Singles. Was denkst du, woran das liegt?

Ich glaube, sie haben sehr hohe Erwartungen, vielleicht zu hohe. Denn diese Erwartungen, was die Erotiksphäre angeht, werden von den Bildern der Popkultur unterstützt, die uns umgibt. Wir haben zum Beispiel immer noch das Phänomen „50 Shades of Grey“ und das zeigt einfach, dass manche Sachen, die früher tabu waren, jetzt in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Aber nicht im Kontext von Bildung oder Sexualkunde, sondern von Entertainment und Fun.

"Sex ist ein Marketingfaktor, Sex verkauft sich gut."

Wir werden also mit allen möglichen Bildern gefüttert, dann wissen wir, wieviel möglich ist, aber in unserem eigenen Leben erfahren wir das nicht wirklich. Sex ist so anwesend in unserer Kultur und so mythologisiert durch sie. Das reale Leben aber lässt uns unerfüllt und unzufrieden zurück, weil wir nicht so viel über Sexualität im praktischen Sinne wissen – nicht wie in Filmen oder Pornos –, sondern was Kommunikation angeht, was eine tiefere, innige Beziehung angeht. Viele wissen gar nicht, wie sie in der Partnerschaft kommunizieren können oder trauen sich nicht. Häufig ist das gerade ein Problem in langen Beziehungen.

Was war der bewegendste Moment in deiner Arbeit als Intimberaterin?

Es kommt immer wieder vor, dass mir eine Frau nach ein paar Monaten eine E-Mail schickt und erzählt, wie meine Beratung Früchte getragen hat – wie sie und ihr Partner sich wiedergefunden und neu ineinander verliebt haben. Denn Erotik unterstützt diese Gefühle ja sehr stark oder ist eigentlich untrennbar damit verbunden. Das ist für mich immer der schönste Moment.