Was ist Attachment Parenting?

Viel Körperkontakt – vom Stillen übers Tragen bis hin zum Schlafen im Familienbett – macht unsere Babys glücklich und sorgt dafür, dass sie gesund bleiben. So lautet, kurz gefasst, die Essenz des Attachment Parenting (AP).

Bei dieser bedürfnisorientierten Erziehung geht es darum, die Mutter-Kind-Bindung zu fördern und dem Baby so viel Nestwärme wie möglich zu schenken. Nicola Schmidt ist Wissenschaftsjournalistin und hat als Expertin für Attachment Parenting mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht, außerdem organisiert sie seit sieben Jahren Wildniscamps für Eltern und Kinder in ganz Deutschland. Mit ihrem Konzept des „artgerechten“ Aufwachsens hat sie die Lehre des Attachment Parenting um eine wichtige Dimension ergänzt.

Unsere Autorin traf Nicola Schmidt zum Interview.

1) Was bedeutet für dich „artgerechtes“ Aufwachsen?

Artgerecht heißt, dass wir uns überhaupt nicht von Moden oder Ideologien beeinflussen lassen. Wir fragen einfach nur: Was braucht ein kleiner Homo Sapiens, um sich mental und körperlich gesund zu entwickeln? Hier steht an erster Stelle eine sichere Bindung. Das ist das allerwichtigste fürs Kind, dass seine Eltern zuverlässig und einfühlsam auf seine Bedürfnisse eingehen. Ist dies nicht der Fall, reagiert es mit Stress. Das passiert zum Beispiel dann, wenn Eltern ihre Kinder endlos schreien lassen – sei es im Kinderwagen oder im Bettchen, wenn es schlafen soll. Es ist erwiesen, dass Kinder mit einem gestörten Bindungssystem später ein größeres Risiko haben, zu erkranken oder Verhaltensauffälligkeiten zu entwickeln. Zum Glück ist die Bindung ein dynamischer Prozess, mal funktioniert sie besser, mal schlechter. Oft muss ich Eltern beruhigen, die sich nach einer schwer verlaufenen Geburt darum sorgen, dass die Bindung zu ihrem Kind schon gestört sein könnte. Es gibt nichts, das man nicht mit viel Liebe heilen könnte.

2) Was wären mögliche Folgen eines „nicht-artgerechten‟ Aufwachsens?

Wir wissen, dass die Kinder in allen Bereichen höhere Risiken haben. Ein paar Beispiele:

  • Stillen müssen wir erst erlernen, aber gestillte Babys haben 40-70 Prozent weniger Infektionen als ungestillte und seltener Gewichtsprobleme.
  • Nuckel sind praktisch, aber sie sind für zwei Drittel aller Kieferfehlstellungen bei Kinder verantwortlich.
  • Tragen ist anstrengender als Kinderwagen, aber getragene Kinder entwickeln leichter eine gute Bindung zu ihren Eltern, schreien in der Regel weniger und lernen gut krabbeln und laufen.
  • Gemeinsam schlafen muss man üben, aber Babys, die bei ihren Eltern im Zimmer oder Bett schlafen, schlafen gesünder, sind sicherer, finden als Kindergartenkinder häufig leichter Freunde, sind stressresistenter und schlafen als Erwachsene besser.

3) Inwiefern ist dein „Artgerecht‟-Konzept eine Ergänzung des Attachment Parenting?

Für mich bedeutet Artgerecht einfach Attachment Parenting weitergedacht. AP ist wundervoll, aber um all das Attachment leisten zu können, braucht eine Mutter, brauchen Eltern einen Clan. Es war nie so gedacht, dass wir das alles alleine schaffen. Wir sind eine kooperativ aufziehende Art. Eltern brauchen ein Dorf. Gleichgesinnte können wir überall kennenlernen, ob beim Babyschwimmen oder auf dem Spielplatz. Bittet andere um Hilfe, und bietet eure Hilfe ebenso anderen an. Ganz wichtig: Fangt früh damit an, euer Netzwerk zu knüpfen, nicht erst, wenn ihr kurz vorm Burn-Out seid!

4) Beim Attachment Parenting wird auch ein windelfreies Aufwachsen befürwortet. Was stört an der Windel?

Windeln sind eine praktische Sache! Allerdings haben wir das Problem, dass unsere Kinder immer öfter wund und krank sind und immer später trocken werden. Wenn die Kinder 24 Stunden in Windeln sind, machen Windeln mehr Ärger, als dass sie helfen. Sind Familien mit der Windel glücklich – alles fein! Außer der Müllberg, der dabei entsteht... Aber viele Babys sind unruhig beim Stillen, sie schlafen ab morgens um 4 Uhr nicht mehr gut und wollen nicht ins Tragetuch – all das kann an einer vollen Blase liegen. Eltern können lernen, das zu sehen und dieses Wissen zu nutzen. Windelfrei heißt: weniger Missverständnisse. Kinder pullern nämlich nicht einfach so los, wie viele glauben. In den meisten Babys ist instinktiv der Wunsch verankert, ihre Mutter nicht „beschmutzen‟ zu wollen – vor Urzeiten in freier Wildbahn hätte dieser Geruch Raubtiere angelockt. Wenn es also z.B. beim Stillen häufig an- und abdockt und nicht richtig trinkt, ist es sehr wahrscheinlich, dass das Baby eine volle Blase hat. Andere wehren sich nach dem Schlafen mit Händen und Füßen dagegen, vom Bettchen ins Tragetuch gepackt zu werden – aus dem gleichen Grund. Statt sie dann in die Windel pullern zu lassen, heben wir sie einfach übers Töpfchen.

5) Warum, glaubst du, haben heutzutage so viele Eltern die elementaren Bedürfnisse ihrer Kinder aus den Augen verloren?

Haben Sie das? Ich sehe vor allem Eltern, die sehr verunsichert sind, obwohl sie eigentlich ein total richtiges Bauchgefühl haben. Eltern das Vertrauen in ihr Gefühl wieder zu geben – das ist mein höchster Wunsch. Sie mit dem Wissen zu versorgen, das sie selbstbewusst eigene Entscheidungen treffen lässt. Wir glauben nicht daran, dass Eltern tun sollten, was andere ihnen sagen. Wir wollen sie lieber stark machen, damit sie ihren eigenen Weg finden.